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Gerhard Winkler

Erinnerungen von Gerhard B. Winkler

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Am Staatsgymnasium in Linz
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Mein Freund Wolfgang Glei▀nerDie NAPOLAAm Staatsgymnasium in Linz


Das Staatsgymnasium in Linz galt zwar, wie gesagt, als ausnehmend unbedenklich. Doch ging es dort eher pluralistisch zu. Wir hatten das Glück sehr guter Religionsprofessoren. Meines Wissens meldete sich damals niemand vom Religionsunterricht ab. Wir lernten mit Begeisterung und leicht den Katechismus auswendig. Die Fragen bestanden eigentlich nur aus einer Zusammenfassung der ganz vorzüglich aufbereiteten Katechesen. Ich erinnere mich heute noch, wie uns Prof. König die Geschichte mit dem angefochtenen Tannhäuser schilderte; wie dann der Venusberg zusammenbrach und der lebenslustige Ritter rief: "Mein Heil ist in Maria!" Das war meine erste Einführung in Richard Wagner. Eher heimlich gingen wir in die Glaubensstunden bei Dr. Schwarzbauer in die Domkrypta. Die Fortsetzungsgeschichte aus dem Leben des hl. Martin von Tours frei nach Sulpicius Severus weiß ich heute noch. Auch die Lieder, die wir damals von den Domvikaren (wie Hermann Kronsteiner) lernten, merkten wir uns. Es gab damals eine Gruppe von Mitschülern, von denen man vernahm, dass sie Priester werden wollten. Das machte mich nachdenklich. Wir bildeten bald eine Clique. Als ich das meiner Mutter erzählte, nahm sie mich ins Gebet und erklärte mir, dass alle Geistlichen unglücklich würden; dass das nichts für mich sei und dass ich das Ministrieren nicht erlernen dürfe. So verdrängte ich den Gedanken an das Priestertum, bis ich selbständig wurde.

Was den Pluralismus unter den Professoren anbelangte, so habe ich manche Zusammenhänge erst später begriffen. Wir erkannten zwar sofort, wie die Lehrer zur Religion und zur Kirche standen. Wir spürten auch, dass Parteiabzeichen nicht immer Parteiabzeichen bedeutete. An der Lässigkeit des Hitlergrußes konnte man leicht
z. B. eine schwarze Gesinnung ablesen. Der gefürchtete Griechischprofessor Schauer z. B. grüßte mit einer Handbewegung, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen. Er las mit mir gegen Kriegsende in Wilhering Xenophon, Nepos, Cäsar und sogar Ovids Metamorphosen, weil ihm der Unterstufenstoff zu langweilig war. Er bekam dafür ein Glas Wein aus der Stiftskellerei und etwas zu essen. Ich plagte mich im Stiftspark mit dem Stowasser in der Hand. Er wollte mir auch zeigen, wie man eine Camera obscura baut. Aber ich schaffte diese Dinge nicht. Unser bester Professor war Nemetzkey in Latein. In zwei Jahren konnte er die Grundlagen fürs ganze Leben legen. Ich schwärmte regelrecht für ihn, obwohl er mir anfangs nicht sehr gefiel. Ich betete sogar für sein Seelenheil. Denn ich spürte, dass er die Priesterstudenten und die katholische Kirche nicht sehr mochte, obwohl er nicht ungerecht war. Er war alles andere als ein Nazi, aber antiklerikal. Ich verstand das nicht ganz, weil ich damals nicht wusste, dass sozialistische Akademiker Wien verließen. Sie fühlten sich offensichtlich in der Provinz sicherer. Dazu gehörte auch Frau Prof. Kaufler, die meiner Schwester und mir Privatstunden in Geschichte gab, für die sie in der Gärtnerei ihren Rucksack mit Gemüse füllen durfte. Ich lernte damals erstmals etwas von den Babenbergern in Österreich und vom Privilegium minus. Von Rudolf dem Stifter erfuhr ich, dass er alles seinem Schwiegervater Kaiser Karl IV. im goldenen Prag nachmachte.

Überzeugte Nazis habe ich in unserer Schule kaum in Erinnerung. Der Direktor Dr. Stadlmeier trug zwar ein Parteiabzeichen so wie einige andere auch, aber wir schätzten und respektierten ihn als gelegentlichen Supplenten. Nur hielt er noch im September 1944 eine enttäuschende Rede mit Haßtiraden gegen die Attentäter des 20. Juli, die wir für Helden hielten. Prof Müller trug ein Parteiabzeichen und schaute ständig traurig drein. Er war ein ausgetretener Kremsmünsterer. Die SA hatte ihn 1938 vor ihren Karren gespannt. Da lernte ich, dass abgefallene Priester traurig aussehen müssen. Der Turnlehrer war eigentlich im Wesentlichen ein Marschierlehrer, der durch die Partei Professor geworden war. Zwei seiner Söhne waren KZ-Ärzte in Mauthausen. Das erfuhren wir erst nach dem Krieg. Ich bekam mit noch einem Klassenkameraden ein "sehr gut" im Turnen, weil ich ehrgeizig war und den Kopfstand beherrschte, den viele Altersgenossen nicht fertigbrachten. Professor Watschinger war ein Schwarzer aus Bozen, der Vater des berühmten Linzer Nephrologen und Missionsarztes. Er erzählte uns stundenlang Geschichten aus den Dolomiten – jeweils am Semesterschluss. Damals lernte ich, dass die narrative Methode eigentlich einen guten Lehrer auszeichnen müsse.


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"Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus"
ein wissenschaftliches Großprojekt des Landes

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